XAGO


Fremdsicht

Lothar Lang (1991) aus dem Buch Berliner Montmartre. Künstler vom Prenzlauer Berg. Berlin: Rütten & Loening.


→ In der Nachbarschaft von SONNTAG arbeitet XAGO; gut renoviertes Haus kurz vorm Elend des Teutoburger Platzes. Merkwürdigkeit der Wohnungstür: Wasserhahn als Griff und Anschlagzettel: „Ich würde an Ihrer Stelle von einem weiteren Einbruch absehen – Xago“. Hinter der Tür ein Ironiker. Ein bedacht aufrecht, beinahe steif gehender, bärtiger Mensch führt mich in seinen Arbeitsraum, in dem Graphisches und Schriftliches erledigt wird. Viele Bücher. Ein Schreibpult. Ein sonderbares Regal, in dem die Bücher zwar aufrecht, aber sämtlich schräg stehen. Des Rätsels Lösung: Das Regal war ursprünglich eine Treppe, Mitbringsel aus einer früheren Wohnung im tiefen Prenzlauer Berg, wo Xago in der Kastanienallee, Nähe Prater, mehrere Etagen eines Hinterhauses bewohnt und durch besagte Treppe miteinander verbunden hatte. Nun also Regal. Wir setzen uns einander gegenüber, der Maler wiederum exakt gerade, Sitzfigur im rechten Winkel, nur Ludwig Renn konnte so unnachahmlich Platz nehmen, Elizabeth Shaw hat es gezeichnet. Xago nimmt das Gespräch an sich und zündet ein Feuerwerk von Sentenzen und Aperçus an, bietet Biographisches, nennt Verehrbare aus Vergangenheit und Gegenwart, zitiert Literatur. Ein belesener Mann, er ist vertraut mit Lautréamont, und das will was heißen als deutscher und Maler, denn wer kennt diesen Franzosen schon, es sei denn, er wäre Surrealist oder Baselitz, der zu den Illustratoren der „Gesänge des Maldorer“ gehört. Xago, 1942 geboren, hat nie Malerei studiert, sondern Literaturwissenschaft und Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin, Vorlesungen bei Robert Havemann und Wolfgang Heise. Sein Weg führte über die Filmhochschule zur Bauakademie, dort Beschäftigung mit Paul Klee. Mitte der sechziger Jahre wandte sich Xago entschieden der Malerei zu, zehn Jahre später etablierte er sich freiberuflich als Maler und Graphiker.

Es folgt ein Rundgang durch Wohnung und Atelier. Im Korridor eine dichtgedrängte Galerie, „meine Genesis“, sagt er; Bilder seit 1962. Gemälde und graphische Blätter von Künstlern, die Xagos Wertschätzung genießen, dann in der Küchen-Galerie, unter ihnen Christa Böhme, Joachim John, Josef Hegenbarth, Otto Niemeyer-Holstein, Friedrich B. Henkel, Max Ernst, Dieter Goltzsche, Janssen und Gerd Sonntag. Die Überraschung ist das Bad. Zwar habe ich schon in Toiletten kleine Bibliotheken angetroffen, zuweilen auch ein Bild, aber auf eine Bildergalerie in einem Bad war ich nicht gefasst. Bei Xago ist sie da, gereiht über Bad und Spülung, bewacht von einem präparierten Schwanenkopf über einer Kuckucksuhr.

Xagos Bilder offenbaren den Primat der Intellektualität: „Was ich male, habe ich nie gesehen, doch ich habe es erlebt!“ Die Malerei ist unterkühlt, surreal. Eine „Altarmenische Bildhauergasse“ erinnert an Dali. Florales läßt die Bekanntschaft mit Max Ernst vermuten. Groteske Szenerien verweisen auf zwirnige Strichgebilde bei Paul Klee, verschiedentlich sogar auf die Strichmänner von George Grosz. Xago selbst beruft sich auf die Stimmungssymbolik bei Caspar David Friedrich, auf die Farben bei Turner, auf Blake. Und der Ironiker fügt an: „Ich habe keine stilistisch einheitliche Großmutter.“ Die Bilder bieten individuelle bildhafte Philosophie – Malerei als Gedankenkunst. Einmal hat er die Leute in der Wissenschafts-Akademie veralbert, beinahe jedenfalls: „Ich arbeite wie ein Bäcker, die Hände in dem Sauerteig der Formen und Farben, die Nachrichten aus den Medien als Treibmittel, und schon steigen die Inhalte wie Blasen auf.“ In seiner Kunst amalgamieren sich phantastische Traumvorstellungen mit Zeichenhaftem, Irrationalität gebiert Bildlogik. Malerei lässt das möglich sein.

Zum Schluss ein Bild aus dem Jahre 1989: „Am Geschichtsknick“, Hoffen und Wirren, eingesperrt und befreit, Ende der Vorstellung. Xagos letzter Satz, die gerade beschlossene Vergangenheit betreffend: „Das Buch der Utopie ist zugeklappt, aber das Lesezeichen bleibt drin.“ Anderntags flog er nach der Insel Kreta, zu archäologischen Ausgrabungen.



Diether Schmidt (1990)


→ Der Muse keine Gewalt antun. An einen aufgeräumten Platz setzen, vor ein leeres Blatt, dem Stift freien Lauf lassen für die fortschreitenden Selbstfunde der Linien. Die finden allmählich zum anfangs ungeahnten Sinn. Vorwissen – Vorwitz bleiben beiseite, Xago betreibt keine „Ismen“, sondern traut seinen Sinnen und dem eingespeicherten Unbewussten, der Summe aus Erleben und Erfahren und Reflektieren als nicht immer verwortetem Reflex. Wie sehr sich doch der philosophierende Maschinist und malende Philosoph selber aus der Welt der Begriffeklopfer zurücknehmen kann in naiver Zutraulichkeit. Aus seinem gutwilligen Versuchen auf den dürren Begriffsfeldern der Filmhochschule und Bauakademie vertrieb ihn – Gottseidank – rechtzeitig, schon vor 14 Jahren, das besorgte Sicherheitsdenken der auf Unterwerfung pochenden Angepassten. Er fühlte sich heiter ins Glück geprügelt. Will heißen, Xago konnte endlich frei und ausschließlich machen, wozu es ihn seit langem feierabends und wochenends gezogen hatte: Malen und Zeichnen.

Kusche wollte ihn als „Ersatz-Klee“ halb zustimmend, halb ironisch, abtun. In der naiven Direktheit der Niederschrift gibt es Berührung, der forscherische Drang nach Erkundung und Erneuerung der künstlerischen Mitte bleibt aber gezügelt. Xago freut sich der Funde und arbeitet sie aus als farbig gehöhten Irisdruck seiner Weißlinien-Radierungen wie als Farbflächen schichtende Malerei. Surreales kommt dabei durchaus zustande, Phantastisches aus der Welt der erträumten und der gewussten Bilder. Das Erinnerte des Déjà-vus mehr als die direkte Modellsituation bestimmt die Poesie seiner Bildsprache. Gesehenes aus Reise und Alltag notiert er allenfalls „für eventuell“, als Vorrat von Chiffren. Aber im Zeichnen und Malen behält Linie und Fläche die Freiheit, sich zur Metapher und Trope zusammenzufinden. Die Automatismen erhalten behutsam realisierende Korrektur.

Eher ein mildes Schmunzeln als der aggressive Biss der verbissenen Avantgardisten ist ihm eigen. Daher auch der Eindruck, als würden hochgerühmte Vorstöße der ersten dreißig Jahre eingeschmolzen in eine sich bildende erneuerte Tradition der Kunst.

Die Tonart ist sotto voce, in farbigen Tonalitäten und zarten Liniengespinnsten angesiedelt. Das vereint Xago mit den mehr gegenständlich romantischen Neuen Intimisten zwischen Kettner und Butzmann und ihren lyrischen Pendants von Kirsten bis Czechowski und Eva Strittmatter. Man wusste ihn deshalb mitarbeiten an der Bildung des neuen Vertrauens zur Wahrheit der eigenen fünf Sinne, gegen die indoktrinierende Prediger-Attitüde des „Sozialistischen Realismus“, jenem Heimweh nach dem Münchner „Haus der Kunst“. Die heitere Gewaltlosigkeit des letzten Oktober hat nicht zuletzt in dieser Kunst des „Leisesagens“ ihr geistiges Fundament. Auch wenn anderes Geschrei schon wieder das sotto voce überschrillt.

Kein Wunder, dass zahlreiche Verlage den Kammerton seiner Bilder für Einbände und Illustrationen zu nutzen wussten. Das Assoziative jüngerer Lyrik und Prosa, aber auch außereuropäische ältere Literaturen bekommt mit ihnen einen die Phantasie des Lesers stachelnden Akzent. Unbenommen bleibt dezente Distanziertheit und heitere Ironie der Grundcharakter von Xagos Kunst – und bestimmt auch seine Lebenshaltung.



Roland März (1981)


→ Hommage à Philipp Otto Runge, eine Farbradierung Xagos mit dem Titel „Großer Morgen am Hochhaus“. Romantischer Naturmythos contra Urbanität. Das tiefsinnige Vor-Bild erscheint als reflektiertes Nachbild und als launiger Pirschgang durch die Kunstgeschichte. Mit leichter Hand ist die florale Lichtvision mit Kind und Venus, Lilienkelch und Morgenstern aus filigranen weißen Fäden zu einem skurril bewegten Rankenwerk gesponnen. Schillernd spielt der Farbenbogen vom erdigen Braun über das Lichtgelb ins himmlische Grün hinauf. Nur kein Tagblau, sondern Gelb, das schon die Nacht ahnen läßt! Die Paraphrase en minature atmet Grazie, Heiterkeit und Ironie. Da ist ein Hauch der geträumten Harmonie von Mensch und Natur, von Zeit und All, aber auch von Fata Morgana vom verlorenen Paradies, das kaum wahrgenommen, schon zerronnen...